Tom Shippey - Tolkien - Autor des Jahrhunderts


Tom Shippey - Tolkien - Autor des JahrhundertsÜber J.R.R. Tolkien sind bereits mehrere Biographien erschienen. Diese Biographie zeichnet sich von den anderen dadurch aus, dass sie quasi von einem "Kollegen" Tolkiens geschrieben wurde. Damit ist nicht ein Schriftsteller gemeint. Viele vergessen, dass Tolkien im Hauptberuf Professor für Mediävistik und englische Sprachwissenschaft war. Auch Tom Shippey ist Sprachwissenschaftler, er hat u.a. in Oxford gelehrt, teilweise zu einer Zeit, als Tolkien selbst dort noch tätig war. Außerdem hatte Shippey in Leeds an der Universität den Lehrstuhl für Mediävistik inne, denselben Lehrstuhl, auf dem auch Tolkien einst saß (bevor er nach Oxford wechselte). Insofern kann sich Tom Shippey sogar mit einem gewissen Recht als "Nachfolger Tolkiens" bezeichnen.
Der Schwerpunkt des vorliegenden Buches ist eine Analyse aller Werke Tolkiens, wobei der Schwerpunkt auf dem Hobbit, dem Herrn der Ringe sowie dem Silmarillion liegt. Aber auch weniger bekannte Werke wie etwa "Leaf by Niggle" oder die Gedichte und Briefe Tolkiens werden einbezogen. Dabei nähert sich Shippey aus einer ungewöhnlichen Richtung, nämlich der sprachwissenschaftlichen. Ausgehend von einigen Äußerungen Tolkiens in Briefen etc. zeigt Shippey auf, dass Tolkien seine Werke um Mittelerde primär erschuf, um seinen selbsterfundenen Sprachen eine Heimat zu geben. Viele der von Tolkien verwendeten Bezeichnungen und Namen, wie etwa Orc, Beutelsend, Orthanc etc., werden auf ihre sprachwissenschaftliche Herkunft untersucht. Darüber hinaus zeigt er auch die Einflüsse anderer Werke (etwa des "Beowulf", den Tolkien ausführlich analysiert hatte) auf. Viele Beispiele für Tolkiens Vorgehensweise der "Zweitschöpfung" oder "Nachschöpfung" von Mythen werden dabei deutlich.

In einem speziellen Kapitel beschäftigt sich Tom Shippey mit dem Bösen im "Herrn der Ringe", speziell mit dem Ring. Dabei zeigt Shippey auf, dass Tolkien offenbar zwei widersprüchliche Auffassungen zum Thema "böse" hatte. Zum einen folgte er der Meinung des römischen Senators Boethius, dass das Böse nur die Abwesenheit des Guten sei (eine ähnliche Auffassung vertrat auch Tolkiens Kollege C.S. Lewis, und der überzeugte Katholik Tolkien teilte sie mit vielen anderen Christen). Die andere Auffassung sieht das Böse als eigenständige Macht, der man durchaus begegnen muss. Diese Auffassung basiert auf der Lebenserfahrung des 20. Jahrhunderts, mit seinen beiden Weltkriegen, den Konzentrationslagern, Atombomben usw. Auch Tolkien machte, als Soldat im 1. Weltkrieg, diese Erfahrung, und sie floss ebenso in die Schlachtbeschreibungen im "Herrn der Ringe" ein.

Die Wirkung des Ringes wird anhand der Ringträger sowie der Ringgeister (Nazgul) ebenfalls ausführlich analysiert. Dabei zeigt sich, dass Tolkien eine sehr moderne Auffassung von der korrumpierenden Wirkung des Bösen (des Ringes) auf Menschen hatte, eine Auffassung, die es im Mittelalter in dieser Form nicht gab, die aber ebenfalls auf den oben angesprochenen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts basiert. Insofern ist der Inhalt des "Herr der Ringe" erstaunlich modern. Gleichzeitig erteilt Shippey allen Versuchen, den "Herrn der Ringe" als simple Allegorie zu sehen (nach dem Strickmuster: "Sauron = Hitler/Stalin, Ring = Atombombe") eine klare Absage und macht deutlich, dass Tolkien eben keine Allegorie erschaffen hat.

Weitere Kapitel befassen sich mit Tolkiens übrigen Werken. Dabei wird insbesondere das teilweise autobiographische "Leaf by Niggle" ausführlicher besprochen; offenbar sah sich Tolkien in derselben Lage wie der Künstler Niggle.

Im Nachwort "Die Nachfolger und die Kritiker" geht Tom Shippey ausführlich auf die Kritiker ein (mit sachlichen Kritikpunkten hat er sich bereits in den Kapiteln zu den einzelnen Werken beschäftigt). Dabei stellt Shippey fest, dass viele Kritiker Tolkiens dem Autor offenbar die gerechte literarische Anerkennung verweigern und einen irrationalen Hass auf ihn zu haben scheinen. Dabei zitiert Shippey mit Genuss mehrere Kritiker Tolkiens, die kurz nach dem Erscheinen des "Herrn der Ringe" (1954) meinten, Tolkiens Werk werde niemals größere Popularität erlangen, niemand werde die drei Bände des "Herrn der Ringe" mehr als einmal lesen etc. Am Ende des Nachworts vergleicht Shippey Tolkien gar mit James Joyce, bevor er auf Tolkiens Einflüsse in der modernen Fantasy eingeht. Dabei versucht er auch zu begründen, warum er Tolkien als DEN Autor des 20. Jahrhunderts ansieht.

Alles in allem ist "Tolkien - Autor des Jahrhunderts" eine gut geschriebene Analyse der Werke Tolkiens mit einer unkonventionellen Perspektive. Allen, die sich näher mit Tolkiens Werk auseinandersetzen wollen, sei dieses Buch wärmstens empfohlen - auch denen, die nicht unbedingt Tolkien für "den Autor des Jahrhunderts" halten.